In diesen Zeiten der Krise kann niemand sagen, was in den nächsten Jahren noch alles auf uns zukommt. Auch die LINKE nicht. Aber jetzt geht es darum, die Weichen für die Zukunft ganz neu zu stellen. Haben wir den Mut, Visionen zu leben und nicht mehr vor vermeintlichen Sachzwängen zu ducken? Einmal Banken, Bundeswehr und Bildung ganz anders zu denken? Jeden Tag wieder, überall, für eine gerechtere und friedlichere Welt zu kämpfen?
Aktuelles
04.06.2012, Stellungnahme von Jan van Aken
Nach dem Parteitag: Die Chance nutzen!
Trotz aller Zuspitzungen und Dramen glaube ich, dass der Göttinger Parteitag ein gutes Ende gefunden hat. Die Krise der LINKEN ist beileibe noch nicht überstanden, aber die Lage ist heute deutlich besser als noch vor drei Tagen. Die neue Parteispitze hat eine echte Chance, die Partei wieder aus der Krise herauszuführen, aus mehreren Gründen:
1) Die Delegierten haben eine Parteispitze gewählt, die bei aller Unterschiedlichkeit in den Positionen sowohl die Fähigkeit als auch die Bereitschaft besitzt, diese Unterschiede kooperativ aufzugreifen. Praktisch alle Mitglieder des gewählten geschäftsführenden Vorstandes haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sie die Vielfalt der Partei nicht nur aushalten, sondern sie sehr konstruktiv nutzen können.
2) Ein großer Teil der Parteispitze ist keiner Strömung und keinem Lager zuzuordnen, sie sind echte Blockfreie – was nicht heißt, dass sie politisch oder inhaltlich Zentristen sind. Sie haben sehr klare, zum Teil konträre Positionen, aber sie stehen eben jenseits der organisierten Strömungen und haben sich in der Vergangenheit als BrückenbauerInnen bewährt.
3) Ganz praktisch verkörpert die Parteispitze, dass der oft behauptete Ost-West-Gegensatz nicht (oder nicht mehr) so stark ist, wie viele behaupten. Mit Caren Lay, Sahra Wagenknecht und Axel Troost sind drei der vier stellvertretenden Vorsitzenden echte „Wossis“, die viele Jahre sowohl im Westen als auch im Osten gelebt und gearbeitet haben. Und auch die anderen in der Parteispitze, die so wie ich eine reine West- oder Ost-Biographie haben, verstehen sich als Teil einer gesamtdeutschen LINKEN, die sich nicht in Ost und West dividieren lässt. An der Basis der Partei arbeiten Ost- und Westlandesverbände schon lange gut zusammen, das hat sich jetzt auch an der Spitze durchgesetzt.
4) Auf dem Parteitag gab es eine echte, ergebnisoffene Wahl. Das ist ein wirklicher Bruch mit alten Traditionen, nicht nur der LINKEN: Wann hat es zuletzt bei einer der im Bundestag vertretenen Parteien eine derart freie Wahl gegeben? Viele Delegierte haben das als Ermächtigung, als Stärkung der Parteibasis verstanden. Damit ist der neue Vorstand mit einem viel stärkeren Votum und einem besseren Rückhalt bei der Basis ausgestattet. Diese könnte der erste wichtige Schritt in Richtung einer neuen – zwar streitbaren, aber eben auch konstruktiven und kooperativen – Kultur in der LINKEN sein. Darauf können und wollen wir aufbauen.
5) Während der Samstag des Parteitages noch eher von Härte geprägt war, veränderte sich am Sonntag die Stimmung ganz deutlich. Uns wurde von allen Seiten (und ich meine wirklich alle Seiten) signalisiert, dass wir auf Unterstützung zählen können; es wurden versöhnliche Signale in beide Richtungen gesendet und Menschen, die sich am Samstag noch beschimpft hatten, haben am Sonntag schon wieder gemeinsam die nächsten Schritte geplant. Damit es hier kein Missverständnis gibt: Die letzten Wochen haben Vielen von uns tiefe Verletzungen zugefügt, die werden nicht über Nacht verschwinden. Aber der Wille, die LINKE jetzt wieder gemeinsam zu alter Stärke zu führen, war deutlich spürbar.
Ich glaube, dass wir jetzt eine echte Chance haben, mit einer wirklich kooperativen Führung und mit einer viel stärkeren Einbindung der Basis wieder zu einer Einheit finden zu können, mit der wir an frühere Erfolge anknüpfen können. Wer gehofft hat, die LINKE werde jetzt in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, hat sich zu früh gefreut. Wir sind gekommen, um zu bleiben!

